Grundlegende Dimensionen von Textualität
Der Text entfaltet sich als Text, indem wir ihn lesen, und zu lesen beginnen wir immer dann, wenn uns das Wahrgenommene erlaubt, es mit einem Sinn zu verbinden. Einen Text lesen heißt so, auf Sinn hin zu lesen. Erst wenn wir uns in die Sinnbedürftigkeit des Textes begeben und diese als solche erkennen, also nicht bloß eine Ordnung uns unbekannter Zeichen wahrnehmen, vermögen wir in der Offenheit des Nichtverstehens uns den möglichen Bestimmungen des Textes zu überlassen und den Text so als sich vollziehenden Text zu erhalten. Freilich muss der Text, um ihn auf Sinn hin lesen zu können, weder von seiner immanenten textstrukturellen Seite notwendig einen Sinn enthalten (man denke an die Gedichte eines Hans Arp, Ernst Jandl oder Oskar Pastior), noch müssen wir tatsächlich in der Lage sein, diesen Sinn verstehen zu können (man denke etwa an Graffitis, die immer nur einem Kreis von Befugten semantisch zugänglich sind), entscheidend aber ist, dass wir uns bereit erklären, einen Horizont des Be-Deutens anzunehmen, der sich, ganz gleich ob vom Autor intendiert oder nicht, als Möglichkeit des Sinns darstellt.
Das Vollziehen des Textes im Akt des Lesens bringt den Text allererst hervor; der Text ist notwendig gebunden an das Bewusstsein eines Subjekts, das in ihm das Anwesende im Abwesenden erkennt: der Text ist die Spur der Praxis des Schreibens, das sich in seinem Vollzug verflüchtigt und entfremdet – der Sinn, seit den Anfängen der abendländischen Metaphysik als logophon gekennzeichnet, verliert sich im Schreiben, ins Schreiben, entledigt sich seiner Präsenz, der Gegenwärtigkeit der Stimme und wird so ganz abwesend. Die Rede verschwindet, als bald die Stimme ihren Atem verliert und dieses Zerrinnen der Stimme in den Tod, eben in die Atemlosigkeit hinterlässt im Schreiben eine Bewegung von Differenz und Relation. Differenz und Relation heißt hier im Zustand der Subjektlosigkeit des Textes die nackte, bedeutungslose Signifikantenstruktur, die absolut leer und offen ist, denn keine Funktion des Verweises auf eine Repräsentation bestimmt die Zeichen, sondern sie sind belassen in der Abwesenheit, Ferne, Vergessenheit von Leben und Sinn. Erst in der Möglichkeit des Bedeutens durch ein Subjekt wird der Text wieder be-deutend und in diesem Deuten der Be-Deutung neu geschrieben. Es ist der Leser, der in jenem Werden des Textes die Gegenwärtigkeit der Rede hört, indem er sich selbst als sprechend vernimmt. In diesem „sich selber sprechen hören“ schreibt sich nicht nur der Leser in den Text ein, nämlich sowohl semiologisch (Kontextualisierung und Dekontextualisierung der Zeichen und damit Figuration und Defiguration des Be-Deutenden) als auch durch die hermeneutische Praxis (Notizen, Schlagworte, Unterstreichungen, Hervorhebungen, etc.); der Text schreibt sich seinerseits durch den Leser hindurch, er schreibt sich aus dem Tod heraus, ohne einem von vornherein bestimmten Weg zu gehorchen, er setzt sich in die ihm eigene Gestalt, ohne seine Form zu kennen. Indem der Leser die semantischen und symbolischen Überschreitungen laufen lässt und den Text in seinen Möglichkeiten des Verstehens als Text anerkennt, vollzieht sich eine erste Ver-Zeichnung von Sinn. Die Spur der Differenz bestimmt sich so nicht nur als leere Reihung von Zeichen, denen jede Inhaltsseite fehlt, sondern vielmehr als Signifikantenstruktur, die durch das Begehren nach der Erzeugung von Anwesenheit eines Sinns gekennzeichnet ist: der Text will, auch wenn dies niemals möglich ist, verstanden werden, er strebt nach der Erfüllung durch die Präsenz des Anderen.
Dieses Streben nach Verstehen ist das Sichtbarmachen eines Unsichtbaren, das sich in der Verborgenheit des Textes als Möglichkeit des Be-Deutens offenbart und als leere Folie der Sinnerschließung dient. Jenes Unsichtbare ist der Ursprung des Vergessens, über den sich der Text in seinem Begehren des Sinns als Text in Gestalt setzt, wobei das Unsichtbare, verstanden als bloßes Prinzip der Text- und Sinnhaftigkeit, als leere Ordnung der Form, auch in seiner Sichtbarmachung je verborgen bleibt und außerstande ist, sich als konkretes, als bestimmter und bestimmender Text in Gestalt zu setzen. Das Unsichtbare ist so nichts weiter als das Zeigen auf den Text, ohne diesen aber schon verwirklichen zu können, und dieses Zeigen ist eben das Streben nach Sichtbarkeit des unbestimmten Unsichtbaren, das als bloßes Prinzip wirksam ist. Indem sich im Lesen nun ein Sichtbarmachen vollzieht, wird der Text also neu geschrieben – er wird vom Unsichtbaren her geschrieben, d.h.: dadurch, dass er sich vom bloßen Prinzip der Text- und Sinnhaftigkeit her schreibt, schreibt er sich nicht bloß als vereinzelter Text, sondern schreibt sich immer auch von anderen Texten her, er schreibt sie weiter, ver- und zer-schreibt sie, um so den einzelnen Text als konkrete Gestalt erst setzen zu können – wir befinden uns immer schon im Prinzip der Text- und Sinnhaftigkeit, wenn wir beginnen, den konkreten Text auf Sinn hin zu lesen. Jeder Text ist so ausgewiesen als ein Geflecht, ein Gewebe der Modulation von Zitaten, von anderen Textpartikeln, von Intertexten, in derer beständiger Transformation und Absorption der Text von der bloßen Differenz der Spur, von der Unsichtbarkeit des Sichtbaren geschrieben wird. Der Text stellt sich dar als vielfältige Rekuration auf ein „Universum“ von Texten (die Möglichkeit des Textes als Text), in dem alle Texte miteinander kommunizieren und die subjektlosen Texte in einem unendlichen Regress immer auf andere und letztlich auf alle Texte verweisen, da sie schließlich alle an einem allgemeinen Text teilhaben, der mit den immer schon von Texten durchzogenen Bereichen von Wirklichkeit und Geschichte übereinstimmt. Der spezifische Text ist dabei ein sich je verändernder Ausschnitt dieser Bereiche von Wirklichkeit und Geschichte, er stellt eine variante Konfiguration von Intertexten und ihren Relationen dar, die in der individuellen Gestalt-Setzung durch den Leser von der bloßen Möglichkeit, vom bloßen Prinzip in die Wirklichkeit von Text und Sinn überführt werden. Die Wirklichkeit eines Textes ist so die Möglichkeit aller Texte, und es ist eben der Leser, der diese Möglichkeit gemäß seinen Bezugstexten als konkrete Wirklichkeit konstituiert und konfiguriert.
Die Konstitution der Wirklichkeit des Textes vollzieht sich von anderen Texten her als Bestimmung von Sinn und Bedeutung durch das Aufblicken und Abschweifen: der Lesende lässt den einzelnen Text durch seine Bezugstexte hindurch als Text auf-gehen, Einzeltext und Bezugstexte wuchern ineinander, überwuchern sich, der Einzeltext deterretorialisiert die Bezugstexte und diese deterretorialisieren ihrerseits den Einzeltext. Wenn der Lesende nun vom Einzeltext auf seine Bezugstexte kommt, schweift er ab. Dies kann sich explizit in der Bewegung des Innehaltens vollziehen, geschieht implizit aber in jedem Prozess des Be-Deutens, indem der Leser ganz bei dem ihm konkret vorliegenden Text, dabei aber zugleich auch bei anderen Texten ist, deren Sinn und Bedeutung er ebenso konfiguriert und dekontextualisiert wie Sinn und Bedeutung des einzelnen Textes. Das Verstehen eines Textes ist so letztlich das erneute Verstehen aller Texte, so unzugänglich diese auch erscheinen mögen.
Die Entmächtigung des symbolischen Sinns
Der Text ist das Synonym für die Totalität des Symbolischen; er ist gekennzeichnet durch den Status des „Als“, das ihn durch den Vollzug von Lesen und Verstehen zu einem Anderen macht: die repräsentierte Präsenz, welche sich in der Bedeutungskonstitution je neu in Gestalt setzt, stützt sich auf ein Verdecktes (das Abwesende), das uns notwendig verborgen bleibt und sich uns nur in der Konfiguration und Dekontextualisierung des Lesers zeigt. Die Erzeugung von Sinn und Bedeutung des Textes ist daher das unabschließbare Zeigen des Unsichtbaren, das als Prinzip der Text- und Sinnhaftigkeit in einem unendlichen Prozess des Deutens auf das Sichtbare (das Anwesende) verweist, ohne dieses je fassen zu können. Das Eigentümliche des Textes ist also der unerschöpfliche Akt der Signifikation, der aus dem Unsichtbaren heraus die Verdecktheit der Anwesenheit aufzubrechen versucht, um in der Sinnbedürftigkeit des Textes jene Anwesenheit des Be-Deutenden zu erschließen. Vom Wesen des Textes lässt sich also sagen, dass er stets fragend ist, fragend nach der Erfüllung des „Als“, fragend nach dem Bezug auf das Andere, den Sinn.
Während der Text sich als Verwiesenheit auf einen sich im Verstehen vollziehenden Sinn charakterisieren lässt, welcher sich als verdeckter offenbart, stellt das Ereignis sich dar als Unmittelbarkeit, als Blöße des Seins, das sich uns in seinem reinen „Dass“ der Erscheinung zeigt. Wo die Signifikantenstruktur des Textes sich auf ein Anderes bezieht, um zu ihrer Bestimmung zu gelangen, wird der Sinn uns im Ereignis durch die Materialität des Phänomens gegeben; die Erscheinung ist selbst das Andere. So ist das Ereignis im Wortsinne das Ex-sistierende, das „Aus-sich-Hinaustretende“, das Hervorstehen der Bedeutung aus der Erscheinung: das Ereignis ist das Sich-Zeigen der Präsenz. Dieses Sich-Zeigende ist damit nicht die schlichte Faktizität des Gegenstands, sondern die Überschreitung des Gegebenen, das sich uns in seiner Offenheit der Gegenwärtigkeit als Unverborgenes des Geschehenden zeigt. Das Unverborgene ist das Un-Denkbare und Un-Sagbare – nicht, da wir es erst durch die Diskursivität von Sprache und Text und in deren Abgrenzung zu bezeichnen vermögen, zu verstehen als im Verhältnis zum Text negatives und unangemessenes, sondern als Ankunft des Anderen in der Erscheinung, als die Offenbarung und unmittelbare Evidenz des „Dass“, welches keine Anerkennung durch Denken und Sprache bedarf, sondern vielmehr diese Vollzüge von Sinn entmächtigt, indem es sich selbst als Sinn zeigt, als Sinn eben des Undenkbaren und Unsagbaren. Diese Entmächtigung des symbolischen Sinns in der ästhetischen Erfahrung erhält ihre Grundlegung in einer Aisthetik des Ereignisses, die noch vor jeder intentionalen Gegenstandsbeziehung anzusetzen hat.
Ästhetik und Aisthetik
Die klassische abendländische Philosophie hat seit der Antike durch ihre intentionalistische Ausrichtung den Wahrnehmungsgegenstand einer Semiotisierung und Semantisierung durch den Verstand unterworfen: die Wahrnehmung ist durch kategoriale Formung hier stets vorbestimmt, sei es in Gestalt des Logizismus der Wahrnehmung bei Aristoteles, sei es durch den Kantischen Begriff des Schematismus‘ und der Synthesis, sei es durch den Gedanken der kategorialen Anschauung Husserls. Das Bewusstsein als Bewusstsein-von-Etwas bestimmt in diesen Philosophemen das sinnliche Objekt in einem Akt der Signifikation je als „Dieses“, als bereits spezifiziertes, das durch die Struktur des „Als“ die Wahrnehmung Akten des Be-Deutens und Ent-Werfens entspringen lässt und so nur in seinem „Was“ und „Wie“ interessiert. Das Sinnliche zeigt sich hier immer schon als sinnhaft erschlossen, Wahrnehmung wird zur Symbolisierungsleistung.
Der Begriff des Ereignisses erscheint mit solchen wahrnehmungsphilosophischen Annahmen freilich völlig inkommensurabel, denn dieser ist gerade zu denken als das Widerfahren des bloßen „Dass“, welches sich uns als Ex-sisitierendes unabhängig von symbolischer Konstituierung als Undenkbares und Unsagbares zeigt. Es muss also eine Aisthetik formuliert werden, die imstande ist, Wahrnehmung als zunächst nichtintentionales Er-lebnis zu konzipieren, dass jeder Wahrnehmung-von-etwas vorausgeht und die Offenbarung des bloßen Sich-Zeigens ist, die sich jeglicher sprachlicher Erschließung verwehrt. Erst aus solch einem Wahrnehmungsbegriff heraus kann sich der Raum öffnen für einen sensuellen Ereignisbegriff fernab jeglicher symbolischer Formen.
Aisthetik als Hereinbruch des Anderen
Aufgabe einer Philosophie der Aisthetik muss zunächst die Frage nach den Erscheinungen sein, bevor diese als durch das Subjekt synthetisierte Gegenstände in ihrer faktischen Regelmäßigkeit in den Blick geraten. Erscheinen meint hierbei zunächst ein Mir-Erscheinen, wobei der Dativ dieses Ausdrucks weniger anzeigt, dass es alleinig meine subjektive sinnliche Erfahrung ist, die nur mir zugänglich wäre, denn ich bin, sobald der Gegenstand als intentionaler in einem bestimmten „Was“ und „Wie“ auftritt, ja in der Lage, mich über Farbtöne, Klänge, Gerüche, etc. mit anderen Subjekten auszutauschen und mit ihnen vielleicht sogar eine Übereinkunft zu erzielen. Vielmehr zeigt der Ausdruck des Mir-Erscheinens an, dass mir etwas widerfährt, etwas zustößt und mich affiziert, bevor ich dieses Widerfahrene als „Dieses“ und so als Zeichen aufzufassen vermag. Gleichwohl sind die Eindrücke, die ich habe, dennoch die meinen – da, wo sie vor jeder intellektuellen Leistung mich in ihrer Augenblicklichkeit und Flüchtigkeit berühren, kann sie mir zum einen keiner nehmen und kann ich ihnen zum anderen nicht ausweichen, vermag ich mich in dieser Unausweichlichkeit dem Faktum des Widerfahrens nicht zu entziehen: es gibt die Möglichkeit anzunehmen, dass das, was ich wahrnehme, eine Täuschung oder ein Irrtum ist, doch dass es mir erscheint, kann ich nicht bestreiten. Existenz ist die unableitbare Voraus-Gesetztheit in der Gegenwärtigkeit des sinnlichen Eindrucks. Dies heißt auch, dass jeglicher Wahrnehmung allererst eine Empfänglichkeit, eine Öffnung der Sinne vorausgehen muss, aus der erst heraus sich Wahrnehmung als ein Nehmen vollzieht. So erhält Wahrnehmung seine Bewegung zunächst aus einem Vorgegebenen, das vor jeder Subjektivität liegend auf den Sehenden, Hörenden, auf den Tastenden, Riechenden, Schmeckenden eindringt und schließlich erst in der intentionalen Gegenstandsbeziehung gewendet wird, um als Wahrnehmungsgegenstand, als Tat-Sache hervorgebracht zu werden.
Wahrnehmung beginnt als Zu-Nehmendes so von einem Außer-Mir, einem Anderen, der mich in seiner bloßen Andersheit im Wahrnehmen unablässig be-fremdet und ver-stört, um mich in der Gewißheit meiner Subjektivität zu bestürzen und mein Denken in ständige Beunruhigung zu ver-setzen, gerade weil dieses Andere als unbeherrscht und unbeherrschbar erfahren wird. Der Modus dieses Erlebens ist der sich in der Plötzlichkeit des Augen-Blicks je aufs neue vollziehende Hereinbruch des Anderen. Dieser Begriff des Hereinbruchs zeigt zum ersten die Vertikalität des Geschehens, also Überraschung, Unvorhersehbarkeit und Unplanbarkeit des Ereignisses an: würde ich das Ereignis kommen sehen, könnte ich es voraussagen und so einen Horizont der Erwartung ausbilden, wäre es nicht als solches zu aufzufassen. Zum zweiten zielt dieser Begriff aber auch auf den Schock durch dieses Unvorhersehbare, das in seinem Zuvor-Kommen die Fesseln der Verfügbarkeit des Verstehens und der Sagbarkeit sprengt, sich also jeder Nachträglichkeit und Wiederholbarkeit entzieht. Darin besteht die Gegenüberstellung des Ereignisses zum symbolischen Denken und Wissen: Vernehmen eines Vorgegebenen, das sich weder besitzen noch besetzen lässt, um so in objektive Erkenntnis umgewandelt zu werden, sondern das Subjekt mit der Machtlosigkeit seiner Subjektivität konfrontiert.
Das Zuvor-Kommen des Anderen ist aber nicht nur Schock und Konfrontation, sondern auch ein Entgegen-Kommen: im Ereignis werden wir durch das Wahrgenommene ver-führt, indem es uns herausfordert und in unserer Identität verwirrt. Diese Ver-führung, die uns ver-sucht, uns aufs Spiel setzt, ist das Erlebnis des Ex-sisitierenden, das sich uns als Unmittelbarkeit des Seins im reinen Werden seines sich zeigenden Seienden darbietet: es ist das reine, das bloße Werden des Seienden, das nicht zu einem anderen, zum symbolischen Gegenstand wird und so dem Diktat von Tausch, Wechsel und Gebrauch untersteht, sondern sich in dem aus sich herausgehenden Sein selbst genügt. Es ist eben diese Blöße des Seins, die uns als aus der Phänomenalität des Materials herausstehende Evidenz von Sinnhaftigkeit vor jeder Symbolisierungsleistung angeht.
Dieser Evidenz der Gegenwärtigkeit des „Dass“ korrespondiert in der Kunst der Klassik und Romantik das Schöne und Erhabene, in der Umwandlung durch Moderne und Postmoderne das Unsagbare und Undarstellbare in Gestalt avantgardistischer Provokation. Gerade in den Arbeiten der so genannten Avantgarde tritt das Ereignen des „Dass“ in seiner deutlichsten Wirksamkeit hervor: Verstörung im Verhältnis von Wahrnehmung und Wissen, Sinnlichkeit und Denken, das Ent-Setzen des Erlebens aus den gewohnten Bezügen, aus dem heraus sich eine vom Anderen kommende Entfremdung der ursprünglichen Position und die Notwendigkeit einer Umwendung des Intentionalen ergibt. Beispiele solcher Situationen der Wahrnehmung sind in der Kunst etwa die aggressiven Überlagerungen von Klängen und Geräuschen, wie sie John Cage in seinen multimedialen Aufführungen verwendet hat und wie sie auch heute gern noch in der Noise-Musik zumeist amerikanischer Provenienz praktiziert werden, oder umgekehrt die leere Monochromie der „White Paintings“ Robert Rauschenbergs. Es ließen sich weitere Beispiele für solche Ent-Setzungen des Erlebens anführen, gemeinsam ist ihnen allen, dass sie sich jeder sinnvollen Differenzierung und Identifizierung entziehen, vielmehr zeigen sie sich als Wahrnehmungen der Ex-sistenz der Erscheinung als bloßes „Dass“, die uns ohne unser Wollen zufallen. Somit kann ich solche Wahrnehmungssituationen nicht erzwingen, es liegt nicht bei mir, darüber zu entscheiden, dass ich in dieser Hin-Sicht wahrnehme, es ist im eigentlichen Wortsinn ein Zu-Fall.
Dieser Zu-Fall durch die Kunst, die uns herausfordert, indem sie uns in unserer Subjektivität bestürzt, setzt freilich, um überhaupt wirksam zu werden, eine bestimmte Haltung voraus: es ist dies die Gelassenheit.
Gelassenheit und Kontemplation
Das symbolische, von Technik und Wissenschaft geprägte neuzeitliche Denken ist das Denken des Wollens, das Denken von Herrschaft und Besitz, das den Menschen nicht mehr als Menschen, das Ding nicht als Ding, die Welt nicht als Welt erfährt, sondern sie durch sein Unterwerfen ver-wahr-losen läßt. Gelassenheit nun beginnt allererst im Ablassen vom Wollen und damit von der Unterjochung des Anderen: Gelassenheit besteht nicht wie das symbolische Denken in der Hierarchisierung der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, sondern in der Gleichstellung und Gleichberechtigung von mir und dem Anderen. Der Zustand dieser Gleichstellung und Gleichberechtigung ist die Ruhe und Kontemplation, in der wir uns ganz dem Anderen hingeben und uns im Wahrgenommenen verlieren; indem wir uns auf es einlassen, gehen wir auf das Unvertraute, das Ungewisse und Unbestimmte ein, ohne es kontrollieren oder beherrschen zu können. Gelassenheit besteht somit auch im Loslassen seiner selbst, dem Zurücktreten der individuellen Bedürfnisse und Leiden zugunsten des Anderen, an dem wir teilnehmen und uns ihm zugehörig sehen – dies ist eigentliche Hin-Gabe: Kommen-Lassen und Walten-Lassen des Anderen; ich lasse ihn sein, ohne ihn in meinem Wollen und Begehren aufzulösen.
Diesem Sein-Lassen des Anderen eignet der Begriff der Unfassbarkeit; das, was sich weder besetzen noch besitzen läßt ist unfassbar, verwehrt sich dem rationalen Denken des Subjekts und geht nicht in symbolischer Repräsentation auf, sondern stellt sich dar als das Ereignen der unmittelbaren Präsenz der Erscheinung. Insofern „machen“ Er-Eignisse auch „keinen Sinn“, sie lassen keinen von außen kommenden Sinn zu. Sinn als symbolischer ist immer ein Ent-Eignis von Sein und Sinn: Sprache vollziehen heißt dem Anderen seinen ihm ursprünglichen Sinn zu entziehen, indem sein Sein als Sein nunmehr nur im vom Subjekt ausgehenden Be-Ziehen nicht in seiner im eigenen Andersheit, sondern in der vom Subjekt fest-gesetzten anderen Andersheit (anders als anders) interessiert. Gelassenheit dagegen ist also das Sein-Lassen des Anderen im Aufnehmen des Ereignens seiner Andersheit als Andersheit, die unfassbar und damit unbeherrschbar ist.