„Die letzte Perversität des Stils ist universale Nekrophilie“ – so dereinst das vernichtende Urteil Adornos insbesondere eines ironisch geprägten Eklektizismus, der aus der Not der künstlerischen Sprachlosigkeit eine Tugend machen will. Eklektizismus heißt, so Lyotard, „Nullpunkt der Bildung“, denn hier herrscht Willkür und Beliebigkeit des Schaffenden, herrscht ein im pejorativen Sinne verstandener subjektivistischer Historizismus, der zum alles bestimmenden künstlerischen Prinzip erhoben wird. Wie nun aber steht es mit einem Eklektizismus, der in erster Linie nicht im Auseinanderstreben stilistischer Einflüsse, sondern vielmehr in einer divergierenden Klanglichkeit besteht, in dem obendrein eben diese heterogene Klanglichkeit sich nicht aus einer affirmativ zitierenden Haltung, sondern aus der radikalen Destruktion und Dekonstruktion eigener wie fremder musikalischer Produktion ergibt? So geschehen auf der Platte „Soft Punk“ von John Wiese.
Wiese zitiert neben seiner eigenen Formation Sissy Spacek ebenso die Band Grand Ulena sowie den bei beiden Projekten agierenden Schlagzeuger Danny McClain, außerdem Die Monitor Bats, darüber hinaus scheinen an mancher Stelle auch nicht vermerkte Zitate das Fundament für die eigentliche Komposition zu bilden. Die Mediatisierung solch performativer Ereignishaftigkeit erfolgt allerdings nie in ungebrochener Vorgefundenheit, vielmehr scheint Wiese mit seinen hart kontrastierenden, präzise arrangierten, teils an Ryoji Ikeda erinnernden Schnitttechniken an der Entgrenzung dysfunktionaler Klanglichkeit in den Bereich musikalischer Organisation interessiert zu sein. Ganz ausdrücklich widersetzt sich die Musik der Illusion kontinuierlicher Bewegung, der Kohärenz und immanenten Logik des Ursprungsmaterials und zerlegt, verkürzt stattdessen dieses, um aus dessen Auslassungs- und Leerzeichen etwas hervortreten zu lassen, was mit Amedialität, bzw. eben Dysfunktionalität umschrieben werden kann. Sei es, dass in „Sad Physics“ eine Gitarrenimprovisation so zerlegt wird, dass sie nur noch in einer degenerierten, mehrfach gebrochenen Form erscheint, sei es, dass in „No Party“ das Schlagzeugspiel Danny McClains so kleinteilig geschnitten wird, dass sich dieses in seiner Körperlichkeit ständig selbst behindert, sei es, dass in „Snow Pit“ ein Konzert der Die Monitor Bats in seiner zeitlichen Abfolge dergestalt subvertiert wird, dass vor dem Anfang des Konzerts, dem Einsetzen der Band, dessen Ende, nämlich der frenetische Jubel erscheint. An diesen und weiteren Beispielen lässt sich zeigen, dass es der Musik nicht um einen affirmativen Zugang zur Wirksamkeit medialer Konstruktion, sondern vielmehr um deren fundierenden Bedingungen geht. Durch die Logik des Cut-Ups vermag Wiese eben diese Bedingungen medialer Hervorbringung hervortreten zu lassen und sie zum thematisch-reflexiven Gegenstand künstlerischer Aktivität zu machen, um daraus erst die spezifisch dysfunktionale und dekonstruktive Klanglichkeit hervortreten lassen zu können. Den künstlerischen Focus auf die Bedingungen medialer Konstruktion zu legen ist freilich nicht völlig neu – erinnert sei nur an den Umgang Kurt Krens mit den Materialaktionen Otto Mühls im Wien der 1960er Jahre. Hier allerdings findet die Haltung einer dekonstruktiven Strukturation nicht durch serielle Permutationen, sondern unter der Vorherrschaft eines impulsiven, prinzipiell eklektisch agierenden künstlerischen Subjekts statt, weiterhin jedoch unter dem Vorzeichen einer Neuerschaffung der Wirklichkeit des ursprünglich vorhandenen Materials zugunsten einer artifiziellen Metaform von Unmittelbarkeit und Präsenz.
Gleichwohl liegt bei Wiese ein besonderes Augenmerk auf das Problem des Scheiterns solch einer auf die Bedingungen medialer Produktion gerichteten Musik über Musik: immer wieder wird angezählt, ohne dass die Erwartungshaltung eines nun eigentlich folgen müssenden konstruktiven Ergebnisses erfüllt würde. Stattdessen schließt sich auf solches Anzählen die Negation eines produktiven Ergebnisses an – entweder als Quasi-Stille oder aber als brachiale Harsh Noise Attacke, zumeist von raschen klanglichen Wechseln aufgebrochen. Durch ultraschnelle Schnitte verleibt sich das generativ-konstruktive Moment stetst seine eigene Negation ein. Das Zitat, verstanden als Gabe, bei der der Gebende als Gebender zugunsten der Gabe zurücktritt, wird so zum Akt des Scheiterns und Ausdruck des Unmöglichen. Nochmals genauer: aus dem Zitat als der Möglichkeit eines selektiven Umgangs mit einem frei verfügbaren Materialzusammenhang entbirgt Wiese die Unmöglichkeit solch einer affirmativen Verwendbarkeit von Klanglichkeit hin zu einer in der medialen Konstruktion selbst stetig vorherrschenden Negation der eigenen generativen Mechanismen. Das Zitat wird durch solch eine konstruktive Selbstnegation zur Reflexion seiner eigenen Legitimation.
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