Folgt man Michel Foucault, besteht Gedächtnismacht sowohl in repressiv-ausschließenden als auch in positiv-hervorbringenden Funktionen. Was für Historizität und deren Machtstrukturen im allgemeinen gilt, gilt ebenso für die Musikgeschichte: das eine geht in den Kanon allgemeiner Verbindlichkeit ein, anderes wird zensiert und verdrängt. Mit Deleuze lässt sich hier so zwischen einer, die herrschende Kultur repräsentierenden Makrostruktur und einer subkulturellen, von Minoritäten hervorgebrachten Mikrostruktur von Geschichtlichkeit unterscheiden, die – so Deleuze – bei Nietzsche ihren Anfang nimmt. Mit seiner kompositorischen Arbeit bringt Philip Jeck solch eine Mikrostruktur von Geschichtlichkeit, solch eine „Gegenkultur“, den Begriff der „kleinen Literatur“ von Deleuze/Guattari umwandelnd, eine „kleine Musik“ zum Klingen.
Ausgangspunkt der Arbeit Philip Jecks sind vornehmlich alte, größtenteils unbekannte, von der „offiziellen Musikgeschichte“ wohl fast schon vergessene Platten, und d.h. implizit: objéts trouvés, die, eigentlich Orte des Schweigen und der Abwesenheit künstlerischer Sinnhaftigkeit, durch musikalische Organisation als künstlerisches Material allererst hörbar gemacht werden. Jeck bewegt sich so in der Binnendifferenz zwischen Gegenwart und Speicherung, zwischen Diskurs und Archiv von Klanglichkeit als ordnende Instanz. Nun ist es zwar Jeck, der das musikalische Material strukturiert, doch es ist der Plattenspieler, der dieses hervorbringt. Das freilich macht wahr, was Hegel mit dem Unterschied zwischen (äußerlichem) „Gedächtnis“ und (mentaler) „Erinnerung“ beschrieben hat. Erinnerung ist für Hegel zunächst keine produktive, sondern vielmehr eine alles verschlingende Funktion des Geistes, indem sie die Sinnesdaten in die Dunkelheit unanschaulicher Aubewahrung zusammenzieht. Die Aktivierung dieser aufbewahrten Daten erfolgt erst durch das als mechanisch verstandene Beiwerk des Gedächtnisses. Ebenso bei Jeck: zwar agiert er als sich an verloren geglaubte Musik erinnernde Instanz, die technische Hervorbringung aber erfolgt durch den Plattenspieler. Oder pointierter: Jeck ist der Archäologe, der Plattenspieler seine Schaufel.
Doch Jeck betätigt sich nicht nur in musik-, sondern auch in medienarchäologischer Hinsicht, d.h.: hier wird nicht bloß Musik über Musik komponiert, es werden auch die Regeln und Gestzmäßigkeiten mitreflektiert, die das musikalische Archiv als medial Hörbares konstituieren, namentlich die Brüchigkeit und Endlichkeit seiner Materialität. Diese Brüchigkeit, die Störfaktoren macht Jeck mit einer die gesamte Platte überziehenden Distortioneinstellung symbolisch deutlich. Der gesamte Klang erscheint so wie hinter einem Schleier und macht damit wiederum das hörbar, was zu Beginn des Textes gesagt wurde – die gleichzeitig repressive wie hervorbringende Funktion von Gedächtnismacht.