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Der Beginn als strukturale Abwesenheit: aus dieser Perspektive der Dissemination eines ursprungslosen Ursprungs lässt sich der Schriftbegriff Derridas als ein von einer langen jüdischen Tradition inspirierter lesen. Der Schrift, die im „Phonologozentrismus“ als bloß sekundär gegenüber der primären Rede aufgefasst und die als „hilfsweise Reproduktion“ oder gar als „gefährlicher Ersatz“ disqualifiziert wurde, räumt Derrida bekanntlich den Status einer paradoxen „ursprünglichen Supplementarität“ ein. Diesem homologen Ausdruck der Differance, die als rein generierende Operation des Aufschubs alle empirischen Differenzen und Oppositionen erst hervorbringen muss, eignet das Tetragramm J-H-W-H, der Ausdruck für den verborgenen, namenlosen Gott im Judentum. Für die Kabbalisten ist er jenes „etwas“, das alle Prädikationen und Hypostasierungen (in Form der Sephiroth) zulässt und aus dessen Vorgängigkeit alle Sprachlichkeit hervorgeht – als das Unendliche selbst bedeutungslos, ist er das Deutbare schlechthin. Selbst ohne jede Bestimmung ist er das generative Prinzip, dass die mannigfaltigen Kombinationen und Permutationen des religiösen Wissens in Tanach und Midrasch überhaupt hervorbringt.

Dass die kabbalistische Hermeneutik mit ihrem Theorem vom alles begründenden Gott, dessen Name unaussprechbar ist, und der dekonstruktivistische Gedanke der Differance als eines leeren Zentrums verwandt sind, zeigt sich zunächst an Derridas Dekonstruktion des traditionellen Strukturbegriffs, der ein Umschlagen von einer absoluten Präsenz in eine absolute Negativität darstellt: „Man hat [...] immer gedacht, dass das seiner Definition nach einzige Zentrum genau dasjenige ist, das der Strukturalität sich entzieht, weil es sie beherrscht. Daher lässt sich vom klassischen Gedanken der Struktur paradoxerweise sagen, dass das Zentrum sowohl innerhalb als auch außerhalb der Struktur liegt. Es ist im Zentrum der Totalität, und dennoch hat die Totalität ihr Zentrum anderswo, weil es ihr nicht angehört. Das Zentrum ist nicht das Zentrum.“ Das Zentrum lässt sich also nur als Differance im Sinne von Identität (innerhalb) und Verschiebung (außerhalb) denken. Fängt man allerdings an, die Struktur selbst zu denken, muss man erkennen, dass es kein Zentrum gibt, sondern nur „eine Art von Nicht-Ort, worin sich ein unendlicher Austausch von Zeichen abspielt.“ Eine verwandte Struktur finden wir im Zusammenhang von Tetragramm und Tanach vor – der spanische Kabbalist Gikatilla etwa versteht die Offenbarungsschrift als Textur, die aus den vier heiligen Buchstaben J-H-W-H gewebt ist, so dass die gesamte Schrift eine Explikation des Namen Gottes darstellt. Vergleichbar ist auch der Zusammenhang von Offenbarung und Kommentar: Sinn, Bedeutung und Form des Offenbarungstextes vollziehen sich nur in der unabschließbaren Semiosis des auslegenden Kommentars, der exegetischen Tradition. Eco bemerkt dazu: „[...] die einzige Wahrheit (d.h. der alte kabbalistische Gott) ist gerade das Spiel der Dekonstruktion. Die letzte Wahrheit ist, dass der Text ein bloßes Spiel von Differenzen und Verschiebungen ist.“ Die Offenbarungsschrift, in der rabbinischen Tradition eine Textur, ein Gewebe differentieller Beziehungen, die der Logik metonymischer Verkettungen folgt, ein, begreift man sie als funktionale Form, System von Relationen, ein Syntagma, das die Verhältnisse der einzelnen Textteile regelt, wird erst in den Reflexionen der Kommentatoren zum Ausdruck der Unendlichkeit des namenlosen und unaussprechbaren Gottes. Um Scholem zu zitieren: „Erst in den Spiegelungen, in denen es sich (das göttliche Wort) reflektiert, wird es anwendbar.“ Nur der Kommentar verweist also auf die unendlichen semantischen Entfaltungsmöglichkeiten des ursprünglichen Offenbarungstextes, erst hier zeigt sich seine Unabschließbarkeit und Unentscheidbarkeit. Der Übergang vom Offenbarungstext zum Kommentar zeichnet sich dabei durch einen Bruch im strukturalen wie ebenso zeitlichen Sinne aus – ein Bruch, der sich isomorph zum Zusammenhang von Aleph, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets (einem tonlosen Konsonanten, der den laryngalen Stimmeinsatz kennzeichnet und einem Vokal am Wortanfang vorausgeht), und artikulierter, d.h. vernehmbarer Sprache verhält. Hier kommen wir wieder auf Derrida zurück.

Zunächst muss man darauf verweisen, dass der Begriff der „ursprünglichen Supplementarität“ oder auch „Ur-Schrift“ in der Grammatologie eine ganze Reihe nicht synonymer, kontextabhängiger Substitutionen erfahren hat: Urspur, Reserve, Brisur und vor allem freilich Differance. All diese Begriffe bezeichnen Strategien, einen nicht-ursprünglichen Ursprung, bzw. eine mit metaphysischen Begrifflichkeiten nicht einholbare Vorgängigkeit anzuerkennen. Dabei gilt es gerade beim Neologismus „Differance“, das sich von der eigentlichen Schreibweise unterscheidende „a“ im Blick zu haben, denn hier lässt sich ein Bezug zum Aleph und den mit ihm einhergehenden Implikationen annehmen. Erinnert wird so an die in der abendländischen Tradition der gesprochenen Rede als unmündige Schrift ausgeschlossene, marginalisierte Urschrift – das „a“ als Einschreibung einer Verdrängungsbewegung. Das Aleph hat zudem in der Geschichte der jüdischen Mystik als Wurzel der Sprache, die innerhalb einer radikalen exegetischen Tradition als authentische Offenbarung Gottes verstanden wird, jene zentrale Rolle inne, die den Übergang, d.h. den Verschiebungs- und Temporalisationseffekt von der Abwesenheit des Sinns hin zur Sinnhaftigkeit im Spiel der Differenzen der Signifikanten verdeutlicht: im Aleph ist die Möglichkeit allen Sinns durch seine Abwesenheit gleichsam aufgehoben. Denken wir nun diese Problematik eines generativen, abwesenden Ursprungs in der kabbalistischen Hermeneutik anhand des Begriffs der Differance weiter.

Zunächst: Derrida selbst bringt den Begriff der Differance mit der negativen Theologie in Verbindung, wenn er davon spricht, dieser Neologismus erscheine ihm „strategisch am besten geeignet, das Irreduzibelste unserer Epoche zu denken“, und wenn er schließlich bemerkt, seine Aussagen zur Differance sähen „denen der negativen Theologie manchmal zum Verwechseln ähnlich.“ Entscheidend bei Derrida aber ist, dass – im Gegensatz etwa zu Saussure – das Spiel der Sprache, also die Struktur von Signifikanten, die niemals in einem Signifikat zur Ruhe zu kommen vermag, seinen Sinn nicht mehr einzig aus dem Spiel der Differenzen der Signifikanten erfährt, sondern dass dieses Spiel der Sprache ein Anderes markiert, das nicht in den Differenzen der Signifikanten aufgeht, bzw. in seiner Abwesendheit gar nicht bezeichnet werden kann: ein Anderes, das nur noch abwesend ist, zugleich aber die Unvollständigkeit der horizontal verlaufenden Differenzen offenbart. Der doppelseitige Begriff der Differance als die einerseits entfremdende Bewegung der Festschreibung der lebendigen Kraft in der Schrift und andererseits als diejenige Differenz, die die Schrift auf ein ihr Vorgängiges überschreitet, zeigt, denkt man ihn mit dem Begriff der Spur zusammen, einen ursprünglichen, vertikalen Bruch an, der für das Entstehen der Bedeutung der Zeichen, für das Entstehen des erfüllten Wortes verantwortlich gemacht werden muss. Ein Ursprung allerdings, der nicht mehr nachvollzogen, sondern nur noch passiv aufgenommen werden kann – als „ursprüngliche Supplementarität“. Das Kennzeichen dieser „ursprünglichen Supplementarität“ ist es nun gerade, die endlichen Signifikanten auf das ihnen Vorgängige zu überschreiten, ohne dieses Transzendieren in einem Ursprung enden lassen zu wollen. In konsequentem Verzicht auf einen uneinholbaren metaphysischen Anfangspunkt geht es Derrida gerade um eine Bewegung, die von Beginn an als vorgängig anerkannt werden muss, einer Bewegung, die in der endlichen Abfolge der Zeichen den Einbruch einer unendlichen Andersheit repräsentiert. Endlichkeit und Unendlichkeit sind so im Begriff der Differance miteinander verschränkt: „Die unendliche Differance ist endlich.“

Wenn das Aleph nun als Schnittstelle zwischen stummem Körper (Buchstabe) und dem Laut der Sprache (Sinn) einen Übergang darstellt, der sich für die Möglichkeit der Explikation jeglicher Sinnhaftigkeit verantwortlich zeichnet, so äußert sich darin also ein der Funktion der Differance verwandter, generativer Bruch, der nämlich einerseits die endlichen Reihungen von Signifikanten auf die Abwesenheit einer seiner Möglichkeit nach unendlichen Vorgängigkeit zurückwirft, diesen Rückbezug aber andererseits struktural in sich verbirgt. D.h.: als operatives Prinzip eignet es Derridas Neologismus insofern, als es sich, indem es allem Sinnbezug als abwesender Anfangspunkt vorausgeht, in seinem Transzendieren in die endliche Abfolge der Signifikanten als unendliches Anderes äußert, das in seiner Dispersion jeglichen Sinnbezug aus sich heraus zu entfalten vermag, indem es diesen aber gerade verdeckt. Das zeigt sich etwa auch an der Tatsache, dass die Tora nicht mit dem Aleph, sondern mit dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alphabets, dem Beth, das der Zweiheit und Pluralität entspricht, beginnt. Am Anfang steht also ein Transzendieren dieses Ersten als die zwar wirksame, aber gleichzeitig abwesende Spur des Ursprungs. Aleph wie Differance sind in diesem Zusammenhang somit Ausdrücke für einen disseminalen Beginn, der alle Möglichkeiten der Sinnproduktion durch eine sich ständig selbst überschreitende Negativität in sich enthält.

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