Als Georg Grosz und John Heartfield 1916 die Photomontage erfanden, indem sie heterogene Bild- und Textpartikel in einem assoziativen Bildraum dialektisch gegenüberstellten, wussten sie – wie Grosz selbst bezeugt – offensichtlich nicht, welch ein wirkungsmächtiges, ästhetisches Modell sie da entworfen hatten. Durch die systematische Trennung von Signifikant und Signifikat wurde zum einen das Prinzip einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in besonderer Deutlichkeit akzentuiert und wurde zum anderen eine Appropriation und Entleerung von Bedeutung vorgenommen, um so eine polare Dynamik zwischen den divergierenden ursprünglichen Sinninhalten und den neuen Sinngebungen enstehen lassen zu können. Durch die Betonung vorgefertigter Signifikanten wurden dabei gerade jene Faktoren reflektiert, die das Werk und seine Rezeptionsbedingungen bestimmen. In diesem Zusammenhang muss Walter Benjamins Theoretisierung allegorischer Verfahrensweisen Erwähnung finden. In seinen Spätschriften, insbesondere in den „Baudelaire-Fragmenten“ entwickelt Benjamin eine Theorie der Montage und Allegorie, die auf dem Begriff des Warenfetischs Marxscher Provenienz aufbaut: Sprache und Bild, beide in den Dienst der Werbung gestellt, werden in der Montage – etwa durch den Akt der Fragmentierung und Gegenüberstellung leerer Signifikanten – allegorisiert. Das allegorisierende Subjekt protestiert, so Benjamin, gegen die Degradierung der Dinge zu Waren, indem es sie in der Allegorie ein zweites Mal entwertet, denn durch die Trennung von Signifikant und Signifikat durchläuft das Zeichen (das Ding) in der Allegorie die gleiche Funktionstrennung, wie sie in der Werbung vorgenommen wurde. Indem der Akt der Entwertung wiederholt, gleichzeitig aber dem Zeichen ein neuer Bedeutungswert zugewiesen wird, erfährt das Ding eine Rehabilitation.

Auf die vielgestaltige Geschichte der Montage, die bis in die heutigen, sogenannten postkonzeptuellen Strömungen der Kunst reicht, kann hier freilich nicht eingegangen werden, vielmehr soll an einem Beispiel gezeigt werden, wie sehr die Praktiken dadaistischer Montagekunst auch heute noch ihre Legitimation und Wirksamkeit besitzen. In jüngster Zeit haben etwa James Ferraro (The Skaters) und J. C. Peavey mit ihrem Projekt Lamborghini Crystal all die Prinzipien wieder aufgenommen, die die Montagetechnik und den damit zusammenhängenden Allegoriebegriff Benjamins von Beginn an prägten: Aneignung und Entleerung von Bedeutung, Gegenüberstellung stilistisch divergenter Bruchstücke, systematische Trennung von Signifikant und Signifikat. Nun hatte allerdings schon Benjamin gefordert, dass in der Allegorie die kontemplative Haltung des melancholischen, nostalgischen Subjekts, der „historische Blick aufs Gewesene“, einer politischen Sicht der Gegenwart weichen solle. Bei Lamborghini Crystal scheint es sich dagegen – oberflächlich betrachtet – um den nach Benjamin gerade zu vermeidenden „historische[n] Blick aufs Gewesene“ zu handeln. Dieser Eindruck wird zunächst durch die allen Skaters Projekten eigentümliche Lo-Fi-Aufnahmequalität evoziert, die in klassischer DIY-Tradition zur gezielten, ästhetischen Strategie befreit wird: nicht nur, dass man immer wieder das Starten und Stoppen des Tapedecks zu vernehmen scheint und die Aufnahmen von allerlei Störgeräuschen begleitet sind, vor allem vermitteln sämtliche Aufnahmen mit ihrer dumpfen Brüchigkeit den Eindruck, als seien sie Relikte aus längst vergangenen Kindertagen und würden aus weiter Ferne hinüberhallen.

Auch in ihrer musikalischen Orientierung scheinen Ferraro und Peavey mit diesem Moment des Nostalgischen zu spielen: hier werden munter so wirre wie treibende Funkbasslinien mit obskuren Animemelodien und Easy-Listening-Saxophonsoli gemischt, Progressive-Rock-Licks treffen auf Sci-Fi-Flächen und dilettantisch humpelnde Drums. Allerdings wird dieser vermeintlich „historische Blick aufs Gewesene“ gebrochen, indem sich Lamborghini Crystal die systematische Trennung von Signifikant und Signifikat dergestalt zunutze machen, dass sie jene Versatzstücke bekannter, kommerziell bereits vereinnahmter Musikstile so rekodifizieren, dass diese weiterhin einer entsprechenden Stilrichtung zugeordnet werden können, sich aber durch die Dekontextualisierung innerhalb der Collage und vor allem durch eine von jedem Telos befreiten, mäandernden Strukturgestaltung diese Versatzstücke ihrer auf eine kommerzielle Nutzung ausgerichtete Funktion entledigen. Indem die kommerzielle Funktion der verwendeten Stilistiken obsolet wird und eine neue Bedeutungszuweisung stattfinden kann, erfahren die entsprechenden Stilistiken einen neuen Wert. Dabei ist es per se irrelevant, wann es sich bei den Stücken von Lamborghini Crystal um eine Melange heterogener Samples oder um eigenes Material handelt. Indem uns Ferraro und Peavey gekonnt die Hintergehbarkeit musikalischer Autorschaft vor Augen führen, wird die Collagetechnik selbst von Grund auf karikiert und ins Absurde überführt, um damit das von Benjamin geforderte politische Moment allegorischer Verfahrensweisen neu zu akzentuieren. Hier geht es nicht mehr ausschließlich um eine Rekodifizierung von Intertexten, sondern um die Ununterscheidbarkeit von Text und Intertext im Zeitalter der Simulation.